Eine kräftige Kaltfront zog am Freitagnachmittag aus Westen über weite Teile der Alpennordseite und beendete die aussergewöhnliche Hitzewelle mit einem markanten Temperatursturz und starken bis stürmischen Windböen. Die erwarteten heftigen Gewitter sind aber nur vereinzelt aufgetreten.
Die Wetterentwicklung am Freitag, 26. August 2011
Bereits in der Nacht auf Freitag bildete sich über dem Schweizer Alpenraum eine kräftige Föhnströmung. So sind die Temperaturen in den föhnigen Alpentälern abrupt angestiegen. Altdorf registrierte um 23 Uhr einen Temperaturwert von 27.5°C.
Der Föhngradient über die Alpen verstärkte sich auch am Freitag weiter. Der Föhn griff dabei am Mittag und Nachmittag ungewöhnlich weit ins Mittelland, ja sogar bis in die Nordschweiz aus. Dabei wurden nochmals aussergewöhnlich hohe Temperaturen gemessen. Typisch für Sommerföhn wurden Extremwerte nicht nur in den Föhntälern, sondern sogar weit vorgelagert im Alpenvorland und im Mittelland gemessen. Am heissesten war es einmal mehr im Wallis, Sion registrierte den Höchstwert von 34.0 Grad.
Bild 3: Situation aus der Satellitenperspektive am 26.8.2011, 14 Uhr. (Kombination sichtbare und Infrarot Kanäle), Isobaren, Temperaturen sowie Blitzentladungen (Farbpunkte).
gross.png, 1.1 MBErhöhung der Warnstufe von 3 auf 4
Parallel zu dem Föhnvorstoss über der Alpennordseite verstärkte sich die Kaltfront über Frankreich. Im östlichen Zentralmassiv bildete sich im Tagesverlauf eine starke Gewitterfront mit Starkniederschlägen, Hagel und Sturmwinden. Durch die markante Abkühlung in Ostfrankreich verstärkte sich der Druckgradient gegen die föhnige Alpennordseite markant.
Diese ausserordentlich unwetterträchtige Situation bewog die Prognostiker von MeteoSchweiz zur Heraufstufung der schon bestehenden Warnstufe 3 auf die zweithöchste Warnstufe 4. Die Behörden und die Öffentlichkeit wurden von der gefährlichen Situation zuerst von MeteoGenf um 11.30 für die Westschweiz, und zeitlich versetzt um 14.00 Uhr von MeteoZürich für die Deutschschweiz gewarnt.
Ausserordentlich grosse Druckgradienten
Im Laufe des Nachmittags und Abends baute sich im Mittelland ein sehr grosses Druckgefälle auf. So betrugen die maximalen Druckdifferenzen zwischen Genfer- und Bodensee bis zu 13 hPa! Aber auch zwischen der Nordwestschweiz und dem Bodensee baute sich ein grosses Druckgefälle auf; hier erreichten die Druckdifferenzen um 20 Uhr 10 hPa. Solche Werte werden normalerweise nur bei kräftigen Winterstürmen erreicht. Dementsprechend musste im Laufe des Nachmittags und Abends mit dem Auftreten von schadensbringenden Sturmböen gerechnet werden.
Bild 4: Verlauf der maximalen Druckgradienten zwischen Genf/Basel und Güttingen am Bodensee.
gross.gif, 11 KBBild 5: POH (Probability of hail). Wahrscheinlichkeit für Hagel. Abgeleitet aus Radardaten. Die farbigen Flächen markieren die Gebiete mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für Hagelschlag.
gross.gif, 71 KBSeichte Kaltluft verhindert Gewitterfront
Im Laufe des späten Nachmittags und Abends zog sich der Föhn wieder gegen die Alpentäler zurück. Die Luftfeuchtigkeit in den unteren Luftschichten stieg somit auch in den zuvor vom Föhn abgetrockneten Gebieten wieder rasch an. Im Vorfeld der aus West bis Nordwest vorstossenden Kaltluft bildete sich im Oberaargau dann auch eine Gewitterlinie, welche von Huttwil bis Pfaffnau zu lokalem Hagelschlag führte (Bild 5).
Es war zu befürchten, dass sich diese Linie bei ihrer Verlagerung gegen Nordosten weiter verstärken würde.
Der sehr schnelle Vorstoss der bodennahen Kaltluft sorgte nun aber für eine rasche Stabilisierung der unteren Luftschichten. Der Gewitterlinie wurde damit die Wärme- und Feuchtzufuhr entzogen. Sie zog unter Abschwächung gegen die Region Zurzach.
Die von den Prognostikern befürchtete Bildung einer Unwetterfront, welche die Alpennordseite von West nach Ost überqueren sollte, blieb damit aus.
In diesem Zusammenhang entspannte sich auch die Windsituation. Das bestehende Druck- und Temperaturgefälle zwischen den westlichen und östlichen Landesteilen konnte sich durch die ausbleibende Gewitterfront kontinuierlich abbauen, sodass Sturmböen nur lokal aufgetreten sind.
Trotzdem gab es einige Stationen auf dem Messnetz der MeteoSchweiz, welche Böenspitzen im Bereich von 100 km/h registrierten. Aussergewöhnlich hoch waren die Föhnböen in Luzern. Am Nachmittag wurde dort eine Spitzenböe von 104 km/h gemessen! In den Alpen blies der Südwind teils in Orkanstärke, so wurde an der Monte Rosa Hütte mit 153 km/h der höchste Wert auf dem Messnetz der MeteoSchweiz registriert (Bild 7).
Bild 6: Zeitliche Entwicklung des vertikalen Temperaturprofils über Schaffhausen, abgeleitet aus Windprofilerdaten. Nach der maximalen Erwärmung am Nachmittag (rot gepunktete Linie) folgte wenig später aus West bis Nordwest (schwarze Windpfeile) die schlagartige Abkühlung unterhalb von 1.5 bis 2 km Höhe. Weiter oben erfolgte die Abkühlung deutlich verzögert.
gross.gif, 95 KBBild 8: 24-stündiger Temperatur- und Niederschlagsverlauf ausgewählter SwissMetNet Stationen.
gross.gif, 22 KBGewitterregen aus Süden und absinkende Schneefallgrenze
Nach Mitternacht entwickelten sich über dem Simplongebiet und dem Nordtessin Gewitterzellen, welche mit der starken südlichen Höhenströmung über die Alpen zogen und besonders in den alpenkamnahen Gebieten für ergiebige Niederschläge sorgten. Diese sogenannte Gegenstromlage liess die Schneefallgrenze regional stark absinken. So schneite es beispielsweise in der Surselva teils bis gegen 1300 Meter. Aus dem Glarnerland wurde sogar Schneeregen bis 1000 Meter gemeldet.








