21. Juli 2006 / D. Gerstgrasser, A. Hostettler
Nachdem Anfang Juni 2006 (meteorologischer Sommerbeginn) die Tagesmitteltemperaturen noch 6 bis 8 Grad unter dem langjährigen Durchschnitt lagen, hat sich im Laufe des Julis in der Schweiz und auch in einigen Teilen Europas eine Hitzewelle mit sehr hohen Temperaturen etabliert. Die Hitze und in einigen Regionen auch die Trockenheit lässt Erinnerungen an den Rekordsommer aus dem Jahr 2003 wach werden. Der folgende Beitrag soll anhand einer Zwischenbilanz ein paar Fakten aufzeigen und die aktuelle Hitzeperiode einordnen.
Wetterlage ab Mitte Juli
In Mitteleuropa treten Hitzeperioden eigentlich meist bei sehr ähnlichen Wetterlagen auf. Vorwiegend handelt es sich um einen grossräumigen Hochdruckrücken (Subtropenhoch) welcher sich über Europa legt und die grossräumige Zirkulation (Westdrift) unterbindet. In vielen Fällen handelt es sich zusätzlich um eine sogenannte Omega-Wetterlage, welche als sehr stabil gilt. Die Omega-Lage wird aus einem nahezu stationären, bis in grosse Höhen reichenden Hochdruckgebiet gebildet. Zusätzlich wird das Hoch an seiner westlichen und östlichen Flanke von je einem Tiefdruckgebiet begleitet. Das Hoch entsteht aus einem nach Norden vorstossenden Rücken des Subtropenhochs. Dadurch wird die zonale (das heisst die von West nach Ost verlaufende Strömung) blockiert und in zwei meridionale Äste aufgespaltet. Die Höhenströmung hat die Form eines griechischen Omegas, deshalb dieser Name. Damit werden die atlantischen Tiefdruckgebiete an ihrer üblichen Verlagerung gehindert und werden um das Hoch herumgeführt. Die Lebensdauer des blockierenden Hochs beträgt oft 8 bis 14 Tage, im Extremfall auch mehr. Als Beispiele sollen die Tage vom 17. bis 19. Juli 2006 dienen:
Bild 1: ECMWF-Analyse Bodendruckverteilung und Feuchte (grün) 700 hPa (ca. 3000 m) vom 17. Juli 2006, 12 UTC
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Bild 2: ECMWF-Analyse 850 hPa (Höhenkarte auf etwa 1500 Metern) vom 17. Juli 2006, 12 UTC. Schwarze Linien: Isohypsen (repräsentieren die Druckverteilung). Rote und blaue Linien: Isothermen (repräsentieren die Temperaturverteilung)
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Bild 3: ECMWF-Analyse 500 hPa (Höhenkarte auf etwa 5900 Metern) vom 17. Juli 2006, 12 UTC. Schwarze Linien: Isohypsen (repräsentieren die Druckverteilung; rote Linien (=Isothermen, repräsentieren die Temperaturverteilung); grüne Zonen zeigen die Gebiete mit hoher Feuchte
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Im Bodendruckfeld (Bild 1) und auf ca. 1500 Metern Höhe (Bild 2) erstreckt sich das Hochzentrum von Irland über die Nordsee bis nach Deutschland. Für die Schweiz bedeutet diese Druckverteilung eine leichte Bisenströmung, welche zu Wochenbeginn die Höchsttemperaturen noch etwas dämpfte und ausgesprochen trockene Festlandluft zur Alpennordseite brachte.
Das Bild 3 zeigt den Verlauf der Höhenströmung als griechisches Omega. Der Schwerpunkt des Höhenhochs befindet sich über Südengland, die flankierenden Höhentiefs liegen über dem Atlantik westlich von Portugal sowie über Rumänien an der Küste des Schwarzen Meers. Über den Alpen weht der schwache Höhenwind aus Nord bis Ost.
Bild 4: ECMWF-Analyse Bodendruckverteilung und Feuchte (grün) 700 hPa (ca. 3000 m) vom 19. Juli 2006, 12 UTC
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Bild 5: ECMWF-Analyse 850 hPa (Höhenkarte auf etwa 1500 Metern) vom 19. Juli 2006, 12 UTC. Schwarze Linien: Isohypsen (repräsentieren die Druckverteilung). Rote und blaue Linien: Isothermen (repräsentieren die Temperaturverteilung)
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Bild 6: ECMWF-Analyse 500 hPa (Höhenkarte auf etwa 5900 Metern) vom 19. Juli 2006, 12 UTC. Schwarze Linien: Isohypsen (repräsentieren die Druckverteilung; rote Linien (=Isothermen, repräsentieren die Temperaturverteilung); grüne Zonen zeigen die Gebiete mit hoher Feuchte
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Am Mittwoch, 19. Juli 2006 hat das Höhenhoch sein Zentrum deutlich nach Osten verlagert, die Höhenströmung über den Alpen hat auf Süd bis Südwest gedreht (Bild 6). Die Bodendruckverteilung hat sich gleichzeitig verflacht und die leichte Bisenströmung ist verschwunden (Bild 4). Damit waren optimale Verhältnisse für sehr hohe Temperaturen geschaffen, folgende Bedingungen waren erfüllt:

bereits recht trockene Böden (mit Ausnahme von lokalen Gewittern gab es im laufenden Juli nur wenig Niederschlag)

trockene Festlandluft stagnierte über der Schweiz (sehr gute Einstrahlungsverhältnisse; keine Bise mehr)

wenig Wind in den unteren Luftschichten
Höchste Temperaturen des laufenden Sommers, aber keine Rekordwerte
Am 19., 20. und 21. Juli 2006 wurden an fast allen Stationen der MeteoSchweiz die vorerst höchsten Temperaturen des laufenden Jahres gemessen. Lediglich in Vaduz (FL) sowie in Stabio im Mendrisiotto (TI) war es bereits im Juni 2006 heisser. Dank Föhneinfluss wurden in Vaduz bereits am 25. Juni 33.3 Grad gemessen, in Stabio wurde am 27. Juni mit 33.0 Grad bereits ein wenig höherer Wert registriert als während der aktuellen Hitzephase.
Bild 7: Höchsttemperaturen vom 19. Juli 2006 der Messstationen von MeteoSchweiz
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Bild 8: Höchsttemperaturen vom 20. Juli 2006 der Messstationen von MeteoSchweiz
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In weiten Teilen der Schweiz wurde am Mittwoch, 19. Juli die vorläufig höchste Temperatur registriert. In einigen Alpentälern (Wallis, Rheintal, Engadin), rund um den Bodensee sowie auf der Alpensüdseite war es dann einen Tag später soweit.
Am Freitag, 21. Juli wurden die Höchstwerte im Gebiet zwischen Basel und Zürich bereits wieder überboten, punktuell wurde sogar die 35-Grad-Marke geknackt (Buchs-Suhr, Würenlingen).
Bild 9: Höchsttemperaturen vom 21. Juli 2006 der Messstationen von MeteoSchweiz
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Die gemessenen Höchstwerte sind aber von den Juli-Rekorden noch recht weit entfernt. Untenstehende Tabelle zeigt den Vergleich der aktuellen Werte einiger Stationen (mit langen Beobachtungsreihen) mit den bisher höchsten gemessenen Julitemperaturen:
| Station: | Höchstwert 1.7. bis 21.7. 2006 | höchste Julitemperatur: | gemessen am: |
| Basel Binningen | 34.2°C | 39.0°C | 2. Juli 1952 |
| Genf Cointrin | 34.8°C | 38.3°C | 28. Juli 1928 |
| Bern Liebefeld | 33.2°C | 35.4°C | 29. Juli 1947 |
| Zürich MCH | 32.5°C | 37.7°C | 29. Juli 1947 |
| Chur | 34.7 | 37.5°C | 28. Juli 1983 |
| Davos | 27.5°C | 29.0°C | 27. Juli 1983 |
| Säntis | 16.4°C | 20.8°C | 27. Juli 1983 |
Hitzewelle auch in anderen Teilen Europas
Auch in anderen Teilen Europas werden zur Zeit extrem hohe Temperaturen gemessen. Im Bild 10 unten sind einige Höchstwerte von europäischen Stationen vom Donnerstag, 20. Juli 2006 eingetragen. Die höchsten Werte wurden mit 39°C in Ferrara in der Poebene, sowie mit 38°C in Holzdorf südlich von Berlin gemessen.
Bild 10: Höchstwerte einiger europäischer Stationen vom Donnerstag, 20. Juli 2006
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Vergleich Sommerverlauf: Hitzesommer 2003 mit dem Sommer 2006
Vielerorts wurden bereits Vergleiche mit dem absoluten Rekordsommer des Jahres 2003 angestellt. Dazu muss gesagt werden, dass die Verläufe der Sommer 2003 und 2006 (zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt) recht unterschiedlich waren. Vor allem im für den Monat Juni sind die Unterschiede recht gross. Dies zeigt auch der Vergleich von Bild 11 und Bild 12. Zusätzlich ist zu bemerken, dass es auch bezüglich der Niederschläge im Frühjahr recht grosse Unterschiede zwischen den beiden Jahren gibt
Nasser Frühling 2006
Bild 11: Klimaverlauf des Jahres 2003 an der Station Zürich MeteoSchweiz. Oben: Temperaturverlauf, Mitte: Sonnenscheindauer, Unten: Niederschlag
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Bild 12: Klimaverlauf des Jahres 2006 an der Station Zürich MeteoSchweiz. Oben: Temperaturverlauf, Mitte: Sonnenscheindauer, Unten: Niederschlag
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Wenn man allerdings nur den bisherigen Verlauf des Julis betrachtet, so ist das laufende Julimittel der Temperatur an einigen Stationen momentan höher als das bisher höchste Julimittel (über den gesamten Monat gerechnet). Die bisher höchsten Julimittel wurden im Übrigen nicht im Jahre 2003, sondern 1983 gemessen. In der Tabelle unten ist eine Aufstellung über die höchsten Julimittel von einigen Stationen mit langen Messreihen dargestellt:
| Station | Temperaturmittel bis 20.7.2006 | Höchstes Julimittel/Jahr | Zweithöchstes Julimittel/Jahr |
| Basel | 22.9°C | 22.5 / 1983 | 22.4 / 1993 |
| Genf | 22.9°C | 23.0 / 1983 | 22.6 / 1994 |
| Bern | 21.5°C | 21.5 / 1983 | 21.0 / 1994 |
| Zürich | 21.6°C | 22.0 / 1983 | 20.6 / 1994 |
| Davos | 15.6°C | 15.0 / 1983 | 14.6 / 1994 |
Wie geht es weiter?
Falls die Temperaturen bis zum Monatsende nicht markant sinken, so könnte es also durchaus einige neue Juli Rekordwerte geben. Nach den aktuellen Modellvorhersagen, ist auch während der kommenden Woche (24. Juli - 30. Juli 2006) mit hohen Temperaturen zu rechnen:
Nach einem leichten Temperaturrückgang über das Wochenende steigen die Temperaturen in der kommenden Woche wieder an:
Bild 14: Vorhersage der Temperatur auf rund 1500 Meter für Mittwoch, 26.7.06, 14 Uhr (US-Wettermodell GFS). Die Temperaturverhältnisse auf diesem Höhenniveau dienen dem Meteorologen als Grundlage für die Berechnung der zu erwartenden Temperaturen in tiefen Lagen. So können für das Schweizer Flachland im Hochsommer bei voller Sonneneinstrahlung etwa 14 bis 15 Grad zu der 1500-Meter-Temperatur addiert werden.
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Dementsprechend sind auch die prognostizierten Maximumtemperaturen für Mitteleuropa erneut sehr hoch. Ein Hitzepool kann am Mittwoch über Südwestfrankreich erwartet werden. Hier ist mit Höchstwerten von 40 Grad und mehr zu rechnen.
Bild 15: Modelltemperatur (Maximum) auf 2 m über Boden des US-Wettermodells GFS, berechnet für Mittwoch, 26. Juli 2006. Diese Temperaturen dienen den PrognostikerInnen nur als Hinweis auf die zu erwartenden Verhältnisse, da die Modell-Topographie im Vergleich zur Realität zu ungenau ist.
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Abkühlung zum Monatsende hin?
Im Bild 16 ist der Verlauf von drei wichtigen Prognosenparametern für Zürich bis Sonntag, 30. Juli 2006 abgebildet. Mit sogenannten Ensemble-Prognosen wird versucht, die Eintretenswahrscheinlichkeit verschiedener meteorologischen Grössen abzuschätzen. (Siehe auch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Numerische_Wettervorhersage).
Bild 16: ECMWF-"Rauchfahnen". Die obere Grafik zeigt die erwartete Temperaturentwicklung auf dem 850 hPa Niveau (rund 1500 m). Nach einem leichten Rückgang am Sonntag, 23. Juli 2006, steigen die Temperaturen bis am Donnerstag erneut an, um im Mittel der verschiedenen Modellberechnungen (grüner Bereich) in der Nacht von Freitag auf Samstag (28./29. Juli) markant zu fallen. Eine mindestens vorübergehende Trendwende zu etwas kühleren und auch feuchteren Verhältnissen (siehe mittlere Grafik mit der Niederschlagswahrscheinlichkeit) wäre nach diesen Vorhersagen des europäischen Wettermodells somit wahrscheinlich. Ob sich dieser Trend bestätigt, muss allerdings in den nächsten Tagen unter Zuhilfenahme aller verfügbaren Prognosenunterlagen noch genauer geprüft werden. Bis auf weiteres bleibt die grosse Hitze das bestimmende Thema in Mitteleuropa.