MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

30. August 2007 / Christophe Salamin, übersetzt und ergänzt durch Jacques Ambühl, Stephan Bader, Christoph Frei und Marco Stoll

 

Überschwemmungen im Seeland und im Berner Jura

 

Am Mittwoch 29. August wurden das Seeland, die Drei-Seen-Region, die Freiberge und der Berner Jura von heftigen Gewittern getroffen. Die Wechselbeziehung zwischen verschiedenen meteorologischen Faktoren hat zu diesem Ereignis geführt.

 

Windrichtung parallel zur Front

Häufig weisen die Winde eine Komponente senkrecht zur Achse einer Störung auf. In Bild 1, das als Beispiel dient, sind die Isobaren, welche die Windrichtung näherungsweise wiedergeben, senkrecht zu der Kaltfront über der Schweiz. In einem solchen Fall ist die Wirkung der Front über einem bestimmten Punkt von eher kurzer Dauer.

 

Bild 1: Bodenwetterkarte vom 21. Januar 2005, um 12UTC.

Bild 1: Bodenwetterkarte vom 21. Januar 2005, um 12UTC.

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Wehen die Winde hingegen parallel zur Front, so bleibt ein Punkt während einer längeren Zeit in ihrem Einflussbereich - dies auch bei starker Strömung. Die Regionen in der Frontalzone sind von erheblichen Niederschlagsmengen betroffen. Es genügt jedoch, sich etwa 50 km senkrecht von der Störung zu entfernen um fast trockene Verhältnisse zu haben. Dies ist genau die Situation, welche am 29 August in den betroffenen Gebieten herrschte (Bild 2). Die nachfolgenden Bilder zeigen deutlich die West-Ost Ausdehnung der Störung über einer Linie Biel - Sursee auf dem Radarbild (Bild 4) und die starke Höhenströmung auf etwa 5500 Meter Höhe (Bild 3).

 

Bild 2: Bodenwetterkarte vom Mittwoch, 29. August 2007 um 12UTC.

Bild 2: Bodenwetterkarte vom Mittwoch, 29. August 2007 um 12UTC.

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Bild 3: Höhenwinde auf der 500-hPa-Druckfläche (etwa 5500m ü. M., Vorhersagemodell COSMO der MeteoSchweiz) am Mittwoch 29. August 2007 um 12UTC.

Bild 3: Höhenwinde auf der 500-hPa-Druckfläche (etwa 5500m ü. M., Vorhersagemodell COSMO der MeteoSchweiz) am Mittwoch 29. August 2007 um 12UTC.

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Bild 4: Radarbild vom Mittwoch 29. August 2007 um 12UTC.

Bild 4: Radarbild vom Mittwoch 29. August 2007 um 12UTC.

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Starke Gewitteraktivität

Neben der langsamen Verlagerung der Störung in einer starken, stationären Strömung spielte auch die kräftige Konvektion eine wesentliche Rolle. Wegen ihrer Mittelmeerherkunft war die herangeführte Luftmasse sowohl labil als auch feucht, wie im Vertikalprofil der Atmosphäre über Payerne um 00 UTC am 29. August ersichtlich (Bild 6).
Bild 5 zeigt die in der Hauptstörung eingebetteten Gewitterzellen, welche um 15:35 Uhr Lokalzeit über den Neuenburger-, dem Murten- und Bielersee tobten. Die gelben Bereiche stellen die Kerne der Gewitteraktivität dar, wo Intensitäten von 50 mm/Stunde registriert wurden.

 

Bild 5: TRT (thunderstorm radar tracking) Radarbild am Mittwoch 29. August 2007 um 15:35 Uhr Lokalzeit.

Bild 5: TRT (thunderstorm radar tracking) Radarbild am Mittwoch 29. August 2007 um 15:35 Uhr Lokalzeit.

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Bild 6: Radiosonde Payerne vom 29. August 2007 um 00UTC.

Bild 6: Radiosonde Payerne vom 29. August 2007 um 00UTC.

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Die Wirkung der Gewitterzellen über Neuenburg, Genf, Aigle und Payerne ist in den drei unterliegenden Bilder dargestellt. Auf Bild 7 wurden die Werte mit einem Takt von 10 Minuten gemessen, auf dem Bild 8 von einer Stunde. Auf Bild 9 ist die Summe vom Dienstag 28. August um 18 Uhr 30 bis Donnerstag um 06 Uhr gezeigt. Die Spitzen wurden während des Durchgangs der Gewitterzellen registriert. Bemerkenswert sind für Neuenburg Intensitäten von 15 mm (15 Liter pro Quadratmeter) in 10 Minuten und 50 mm in einer Stunde (in den Bildern 7 bis 9 wurden unterschiedliche Skalen verwendet!)

 

Bild 7: Niederschlagsverläufe in 10-Minuten-Schritten vom 28. bis 30. August 2007

Bild 7: Niederschlagsverläufe in 10-Minuten-Schritten vom 28. bis 30. August 2007

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Bild 8: Niederschlagsverläufe in Stundenschritten vom 28. bis 30. August 2007

Bild 8: Niederschlagsverläufe in Stundenschritten vom 28. bis 30. August 2007

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Bild 9: laufende Niederschlagssumme vom 28. bis 30. August 2007

Bild 9: laufende Niederschlagssumme vom 28. bis 30. August 2007

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Bild 10: Blitzeinschläge am Mittwoch 29. August 2007 (violett: während der Nacht; blau und grün: während des Tages; gelb und rot: am Abend)

Bild 10: Blitzeinschläge am Mittwoch 29. August 2007 (violett: während der Nacht; blau und grün: während des Tages; gelb und rot: am Abend)

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Innerhalb von weniger als 24 Stunden fiel mehr als die Niederschlagsmenge eines Monats

Die am 29. August 2007 über der Region Jura, Berner Seeland, Kanton Solothurn niedergegangenen Regenmengen stossen in den Bereich der Rekordwerte vor. Ein erster starker Niederschlagsschub erfolgte bereits in den Morgenstunden. Die intensivsten Niederschläge ergossen sich dann aber im Laufe des Nachmittags über die leidgeprüfte Region, welche bereits zum dritten Mal dieses Jahr schwere Unwetterschäden zu tragen hat.

 

Bild 11: Vorläufige Analyse der Niederschlagssummen vom 29. August 2007 (Einheit: mm). Gut sind die hohen Niederschlagsmengen in der vom Unwetter besonders betroffenen Region Jura, Berner Seeland, Kanton Solothurn zu erkennen.

Bild 11: Vorläufige Analyse der Niederschlagssummen vom 29. August 2007 (Einheit: mm). Gut sind die hohen Niederschlagsmengen in der vom Unwetter besonders betroffenen Region Jura, Berner Seeland, Kanton Solothurn zu erkennen. Die Analyse beruht auf den Daten von 72 automatischen Stationen. Aus diesem Grund ist die Niederschlagskarte noch sehr provisorisch, denn die eingefärbten Flächen beruhten auf der rechnerischen Extrapolation der zur Zeit verfügbaren automatischen Messpunkte. Dies ist vor allem im Alpenraum problematisch, da man hier einerseits besonders wenig Stationen hat und andererseits die Extrapolation anhand klimatologischer Verfahren erfolgt, die zwar oft zutreffen, im einzelnen meteorologischen Ereignis aber nicht zwingend. So zeigt die Karte beispielsweise im Hochgebirge, z.B. im Wallis und Berner Oberland, deshalb deutlich mehr Niederschläge als tatsächlich gefallen sind.

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Von den verfügbaren Messstationen zeigt Neuenburg mit Abstand die heftigste Niederschlagstätigkeit, wie der Verlauf der Stundensummen in den Bildern  12 und 13 zeigt. Innerhalb von zwei Stunden fielen hier 60.1 mm (bzw. Liter pro Quadratmeter). Die beiden Niederschlagsphasen vom Morgen und vom Nachmittag zusammen lieferten bis um Mitternacht rund 110 mm. Die durchschnittliche Augustmenge beträgt in Neuenburg 97 mm. Somit fielen hier innerhalb von nur zwei Stunden 62 Prozent, respektive innerhalb von nicht einmal 24 Stunden mehr als 100 Prozent der durchschnittlichen Augustniederschläge.

 

Stündliche Niederschlagssummen in der betroffenen Region am 29. August 2007

Bild 12: Stündliche Niederschlagssummen in der betroffenen Region am 29. August 2007

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bild 13: Stündliche Niederschlagssummen an der Messstation Neuenburg am 29.  August 2007

Bild 13: Stündliche Niederschlagssummen an der Messstation Neuenburg am 29. August 2007

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Als konventionelle Tagessumme (der konventionelle Niederschlagstag dauert von 0540 UTC bis 0540 UTC Folgetag) wurden in Neuenburg 87.3 mm registriert. Dieser Wert lässt sich mit den früheren Werten auch aus der Zeit vor den automatischen Aufzeichnungen vergleichen.

 

Lokal ein ganz seltenes Ereignis

Mit einer konventionellen Tagessumme von 87.3 mm stösst das Niederschlagsereignis in der seit dem Jahr 1900 verfügbaren Messreihe von Neuenburg auf Platz 2 vor. Höhere Tagessummen, aber mit praktisch denselben Mengen, brachten hier nur die Ereignisse vom 9. September 1988 (115 mm) und vom 8. Oktober 1949 (116 mm). Eine Tagessumme von 87.3 mm ist in Neuchâtel etwa alle 20 bis 50 Jahre zu erwarten (Bild 14).

Betrachtet man die gesamte Niederschlagsphase, also die beiden konventionellen Niederschlagstage 28. und 29. August 2007, ergibt sich an der Messstation Neuenburg eine 2-Tagesmenge von 113.7 mm. Auch diese Menge wurde hier bisher nur ganz selten erreicht. Die beiden bereits erwähnten Ereignisse vom 9. September 1988 sowie vom 8. Oktober 1949 mit 115 mm bzw. 116 mm sind natürlich auch bei der 2-Tages-Statistik wieder vertreten. Eine deutlich grössere Summe mit 126 mm brachte das tatsächlich über zwei Tage andauernde Ereignis vom 25./26. September 1987.

Die konventionelle Messstation Biel liefert für den 29. August 2007 eine Tagessumme von 80.4 mm sowie eine 2-Tagessumme von 122.1 mm (28./29. August 2007). Die durchschnittliche Augustmenge beläuft sich in Biel auf 121 mm. Auch wenn hier nur Tagessummen zur Verfügung stehen, kann man unter Beizug der Stundenaufzeichnungen von Neuenburg davon ausgehen, dass auch in Biel innerhalb von knapp 24 Stunden eine Regenmenge fiel, welche sonst im ganzen August zusammen kommt. Mit der konventionellen Tagessumme von 80.4 mm und auch der 2-Tagessumme von 122.1 mm belegt das Niederschlagsereignis in der seit dem Jahr 1900 verfügbaren Messreihe von Biel den 4. Platz.

 

Bild 14: Wiederkehrperioden des Niederschlagsereignisses vom 29. August 2007 (Re-ferenzperiode 1966-2006)

Bild 14: Wiederkehrperioden des Niederschlagsereignisses vom 29. August 2007 (Re-ferenzperiode 1966-2006)

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