Am Mittwoch 29. August wurden das Seeland, die Drei-Seen-Region, die Freiberge und der Berner Jura von heftigen Gewittern getroffen. Die Wechselbeziehung zwischen verschiedenen meteorologischen Faktoren hat zu diesem Ereignis geführt.
Windrichtung parallel zur Front
Häufig weisen die Winde eine Komponente senkrecht zur Achse einer Störung auf. In Bild 1, das als Beispiel dient, sind die Isobaren, welche die Windrichtung näherungsweise wiedergeben, senkrecht zu der Kaltfront über der Schweiz. In einem solchen Fall ist die Wirkung der Front über einem bestimmten Punkt von eher kurzer Dauer.
Wehen die Winde hingegen parallel zur Front, so bleibt ein Punkt während einer längeren Zeit in ihrem Einflussbereich - dies auch bei starker Strömung. Die Regionen in der Frontalzone sind von erheblichen Niederschlagsmengen betroffen. Es genügt jedoch, sich etwa 50 km senkrecht von der Störung zu entfernen um fast trockene Verhältnisse zu haben. Dies ist genau die Situation, welche am 29 August in den betroffenen Gebieten herrschte (Bild 2). Die nachfolgenden Bilder zeigen deutlich die West-Ost Ausdehnung der Störung über einer Linie Biel - Sursee auf dem Radarbild (Bild 4) und die starke Höhenströmung auf etwa 5500 Meter Höhe (Bild 3).
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Bild 3: Höhenwinde auf der 500-hPa-Druckfläche (etwa 5500m ü. M., Vorhersagemodell COSMO der MeteoSchweiz) am Mittwoch 29. August 2007 um 12UTC. gross.jpg, 219 KB |
Starke Gewitteraktivität
Neben der langsamen Verlagerung der Störung in einer starken, stationären Strömung spielte auch die kräftige Konvektion eine wesentliche Rolle. Wegen ihrer Mittelmeerherkunft war die herangeführte Luftmasse sowohl labil als auch feucht, wie im Vertikalprofil der Atmosphäre über Payerne um 00 UTC am 29. August ersichtlich (Bild 6).
Bild 5 zeigt die in der Hauptstörung eingebetteten Gewitterzellen, welche um 15:35 Uhr Lokalzeit über den Neuenburger-, dem Murten- und Bielersee tobten. Die gelben Bereiche stellen die Kerne der Gewitteraktivität dar, wo Intensitäten von 50 mm/Stunde registriert wurden.
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Bild 5: TRT (thunderstorm radar tracking) Radarbild am Mittwoch 29. August 2007 um 15:35 Uhr Lokalzeit. gross.gif, 480 KB |
Die Wirkung der Gewitterzellen über Neuenburg, Genf, Aigle und Payerne ist in den drei unterliegenden Bilder dargestellt. Auf Bild 7 wurden die Werte mit einem Takt von 10 Minuten gemessen, auf dem Bild 8 von einer Stunde. Auf Bild 9 ist die Summe vom Dienstag 28. August um 18 Uhr 30 bis Donnerstag um 06 Uhr gezeigt. Die Spitzen wurden während des Durchgangs der Gewitterzellen registriert. Bemerkenswert sind für Neuenburg Intensitäten von 15 mm (15 Liter pro Quadratmeter) in 10 Minuten und 50 mm in einer Stunde (in den Bildern 7 bis 9 wurden unterschiedliche Skalen verwendet!)
Bild 10: Blitzeinschläge am Mittwoch 29. August 2007 (violett: während der Nacht; blau und grün: während des Tages; gelb und rot: am Abend)
gross.gif, 263 KBInnerhalb von weniger als 24 Stunden fiel mehr als die Niederschlagsmenge eines Monats
Bild 11: Vorläufige Analyse der Niederschlagssummen vom 29. August 2007 (Einheit: mm). Gut sind die hohen Niederschlagsmengen in der vom Unwetter besonders betroffenen Region Jura, Berner Seeland, Kanton Solothurn zu erkennen. Die Analyse beruht auf den Daten von 72 automatischen Stationen. Aus diesem Grund ist die Niederschlagskarte noch sehr provisorisch, denn die eingefärbten Flächen beruhten auf der rechnerischen Extrapolation der zur Zeit verfügbaren automatischen Messpunkte. Dies ist vor allem im Alpenraum problematisch, da man hier einerseits besonders wenig Stationen hat und andererseits die Extrapolation anhand klimatologischer Verfahren erfolgt, die zwar oft zutreffen, im einzelnen meteorologischen Ereignis aber nicht zwingend. So zeigt die Karte beispielsweise im Hochgebirge, z.B. im Wallis und Berner Oberland, deshalb deutlich mehr Niederschläge als tatsächlich gefallen sind.
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Bild 12: Stündliche Niederschlagssummen in der betroffenen Region am 29. August 2007
gross.jpg, 92 KBBild 13: Stündliche Niederschlagssummen an der Messstation Neuenburg am 29. August 2007
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Lokal ein ganz seltenes Ereignis
Betrachtet man die gesamte Niederschlagsphase, also die beiden konventionellen Niederschlagstage 28. und 29. August 2007, ergibt sich an der Messstation Neuenburg eine 2-Tagesmenge von 113.7 mm. Auch diese Menge wurde hier bisher nur ganz selten erreicht. Die beiden bereits erwähnten Ereignisse vom 9. September 1988 sowie vom 8. Oktober 1949 mit 115 mm bzw. 116 mm sind natürlich auch bei der 2-Tages-Statistik wieder vertreten. Eine deutlich grössere Summe mit 126 mm brachte das tatsächlich über zwei Tage andauernde Ereignis vom 25./26. September 1987.
Die konventionelle Messstation Biel liefert für den 29. August 2007 eine Tagessumme von 80.4 mm sowie eine 2-Tagessumme von 122.1 mm (28./29. August 2007). Die durchschnittliche Augustmenge beläuft sich in Biel auf 121 mm. Auch wenn hier nur Tagessummen zur Verfügung stehen, kann man unter Beizug der Stundenaufzeichnungen von Neuenburg davon ausgehen, dass auch in Biel innerhalb von knapp 24 Stunden eine Regenmenge fiel, welche sonst im ganzen August zusammen kommt. Mit der konventionellen Tagessumme von 80.4 mm und auch der 2-Tagessumme von 122.1 mm belegt das Niederschlagsereignis in der seit dem Jahr 1900 verfügbaren Messreihe von Biel den 4. Platz.
Bild 14: Wiederkehrperioden des Niederschlagsereignisses vom 29. August 2007 (Re-ferenzperiode 1966-2006)
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