MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

24. November 2009 / Marco Stoll

 

Herbstliches "Hudelwetter"

 

Aktualisiert am Mittwoch 25. November, 09:00 Uhr: Erweiterung Böenspitzenkarte

 

Ein umfangreiches Tiefdrucksystem steuerte am Sonntag 22. November und zu Beginn der neuen Woche mehrere aktive Fronten nach Westeuropa. Dabei herrschte auf der Alpennordseite windiges und phasenweise auch regnerisches „Hudelwetter“.

 

Grossräumige Westströmung

Das Satellitenbild von Montagnachmittag 23. November 15 UTC, überlagert mit dem beobachteten Bodendruckfeld ist in Abbildung 1 dargestellt. Die farbigen Bereiche im Satellitenbild markieren Gebiete mit hochreichender Bewölkung, wie sie bspw. entlang von Fronten auftreten. In Abbildung 2 daneben ist die Temperaturverteilung auf 1500 m ü. M. dargestellt. Am Südrand des steuernden Zentraltiefs mit Kern über der Nordsee und Südnorwegen lässt sich eine „Zyklonenfamilie“ erkennen: mehrere Tiefdruckwirbel in verschiedenen Entwicklungsstadien sind in der zügigen Westströmung eingebettet und werden ostwärts um das Zentraltief herumgeführt. Animierte Bildfolgen sind unterhalb der Abbildungen 1 und 2 als download verlinkt. Sie illustrieren beispielhaft, wie unterschiedliche temperierten Luftmassen der Subtropen und der Arktis in unseren Breitengraden aufeinandertreffen, sich vermischen und verwirbeln, und dabei unser wechselhaftes „Wetter“ verursachen.

 

Abb. 1: Satellitenbild (Infrarotkanal) und Bodendruck am Montag 23. November 2009 um 15 UTC

Abb. 1: Satellitenbild (Infrarotkanal) und Bodendruck am Montag 23. November 2009 um 15 UTC

Animation_Satellit_48h.gif, 6.7 MB
 
Abb. 2: Temperaturverteilung und Windvektoren am Montag 23. November 2009 um 15 UTC der jeweils aktuellsten Modellrechnung des Globalmodells GME des deutschen Wetterdienstes

Abb. 2: Temperaturverteilung und Windvektoren am Montag 23. November 2009 um 15 UTC der jeweils aktuellsten Modellrechnung des Globalmodells GME des deutschen Wetterdienstes

Deutscher WetterdienstAnimation_Lufttemperatur_48h.gif, 3.1 MB
Abbildung 1 zeigt, von West nach Ost beginnend, über dem Atlantik ein junges, neu entstehendes Frontensystem (gekennzeichnet Nr. 1), erkennbar am grossflächig eingefärbten Wolkenschirm. Subtropische Warmluft stösst von 40° nach 50° Nord vor und steigt dabei bis in die höchsten Luftschichten der Troposphäre. Der nachfolgende Kaltluftvorstoss ist westlich des -30° West-Meridians in der linken oberen Bildecke erkennbar. Der Tiefdruckwirbel bildet sich in Bodennähe gerade erst aus, entsprechend fehlen geschlossene Isobaren, welche sonst für Tiefs so charakteristisch sind.

Ein kleineres und schwächeres Frontensystem erstreckt sich von Nordfrankreich über die Benelux-Staaten bis nach Deutschland und streift randlich die Schweiz (2). Der Warmluftvorstoss findet etwas kleinräumiger statt, ausserdem sind die Luftmassengegensätze nur gering. Dies sind Merkmale einer weniger intensiven Wirbelbildung, als im vorher diskutierten Beispiel über dem Atlantik. Auch die Wolkensignaturen im Satellitenbild sind weniger ausgeprägt.

Ein gealtertes, in die Länge gezogenes Frontensystem liegt über Osteuropa und dem Schwarzmeerraum (3). Die Kaltfront erstreckt sich vom Balkan nordwärts bis nach Weissrussland, weiter nördlich liegen okkludierte Teile der Front über dem Baltikum und Skandinavien. Im Bereich der Kaltfront über Südosteuropa überwiegen die Anteile tiefer Bewölkung, welche im Infrarot-Satellitenbild nur unscheinbar zu erkennen ist. Die fehlenden hohen Wolken sind Ausdruck der sich tendenziell abschwächenden, gealterten Front.

 

Starker Wind in der Schweiz am Montag 23. November

In der zügigen Westströmung wurden am Montag 23. November und in der Nacht auf Dienstag auf der Alpennordseite starke, lokal auch stürmische Winde gemessen. Die höchsten Böenspitzen des Tages sind in Abbildung 3 dargestellt. In den Bergen wurden die stärksten Winde auf dem Säntis gemessen. Im Flachland registrierte die automatischen Stationen Steckborn und Zürich die höchsten Werte, an der Beobachtungsstation Haidenhaus auf dem Thurgauer Seerücken wurden sogar 104 km/h registriert (nachträglich aktualisiert).

 

Abb. 3: Automatisch gemessene Böenspitzen am Montag 23. November 2009 sowie Nacht auf Dienstag

Abb. 3: Böenspitzen am Montag 23. November 2009

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Ähnliche Windstärken, unterschiedliche Ursachen

Ein Vergleich der Verläufe der 10-minütigen Böenspitzen (Abbildung 4) in Zürich-Kloten und Luzern über den ganzen Tag hinweg zeigt die unterschiedlichen meteorologischen Prozesse, welche die Böen verursachten: an der am Alpenrand-Station Luzern wurde die höchste Böenspitze am frühen Morgen registriert, verursacht durch einen kurzzeitigen Druckanstieg, der sich in die Alpentäler hinein arbeitete. Dasselbe Verhalten war am 12. Oktober beim Einbruch einer markanten Kaltfront noch etwas ausgeprägter zu beobachten: Beitrag Wetterereignisse "stürmische Kaltfront 12. Oktober 2009".

 

Abb. 4: Tagesverlauf der 10-minütigen Böenspitzen sowie des reduzierten Luftdrucks

Abb. 4: Tagesverlauf der 10-minütigen Böenspitzen sowie des reduzierten Luftdrucks an den Stationen Luzern und Zürich-Kloten.

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In Zürich-Kloten wurde die Spitzenböe um die Mittagszeit registriert, als mit zunehmender Sonneneinstrahlung die Luft vom Boden her etwas erwärmt wurde. Durch die bodennahe Erwärmung labilisierte sich die Luftmasse, so dass der starke Höhenwind (zu dem Zeitpunkt 80-100 km/h auf 1500 m ü. M.) leicht bis zum Boden hinuntergreifen konnte.

Weiter fällt auf, dass in Zürich-Kloten praktisch den ganzen Tag über Böenspitzen zwischen 40 und 70 km/h auftraten, während dies in Luzern jeweils nur kurzzeitig der Fall war. Der anhaltend starke Wind im östlichen Mittelland ist Ausdruck des vorherrschenden West-Ost Druckgefälles: die Druckdifferenz zwischen Genfersee und Bodensee lag den ganzen Tag über zwischen 4 und 7 Hectopascal. Dieses Druckgefälle reicht aus, um die Luft durch das Mittellandbecken ohne wesentliche „Bodenreibung“ zu beschleunigen, während am Alpenrand die Strömung durch die Topographie erheblich gebremst wird und nur bedingt bis in die Talböden durchgreifen kann.

 

Abb. 5: 24-stündige Niederschlagssumme von Montag 23. bis Dienstag 24. November 2009, hergeleitet aus Radardaten.

Abb. 5: 24-stündige Niederschlagssumme von Montag 23. bis Dienstag 24. November 2009, hergeleitet aus Radardaten.

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Westföhneffekte

Während der kurzen Phasen über Mittag und am Abend, in denen der Wind in Luzern bis zur Station hinuntergreifen konnte, stieg die Temperatur jeweils auf 14°C. Dieser „Westföhn“-Effekt, der im Lee von Gebirgszügen der Voralpen wie bspw. dem Pilatus oder auch der Berner Stockhorn-Kette ein Absinken, Erwärmen und Abtrocknen der Luft bewirkt, ist auch in den Niederschlagssummen in Abbildung 5 erkennbar: die Gebiete rund um Thun sowie um den Vierwaldstätter- und Zugersee zeigen deutlich geringere Niederschlagsmengen, als die übrigen Regionen auf der Alpennordseite.

 

Weitere Entwicklung bis Ende der Woche

Die unbeständige Witterung bleibt noch ein paar Tage erhalten. Über Westeuropa und dem nahen Atlantik herrscht Tiefdruck-bestimmtes Wetter. Die Schweiz liegt in einer west- bis südwestlichen Strömung und wird von weiteren Störungen erfasst. Dabei wird am Mittwoch und Donnerstag vorerst noch einmal sehr milde Luft herangeführt, bevor am nächsten Wochenende voraussichtlich kühlere, der Jahreszeit entsprechend temperierte Luft einfliesst.

 

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