MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

12. Mai 2010 / Eugen Müller, Marco Stoll

 

Erste verbreitete Hagelgewitter dieses Jahres

 

Die Wetterlage

Am Nachmittag und Abend des 11.5.2010 überquerte eine Gewitterlinie das Mittelland von West nach Ost. Der Durchgang war begleitet von Sturmböen von 60 bis 100 km/h sowie Hagelschlag.

Die Wetterlage am 11.5.2010 war wie schon an den Tagen zuvor geprägt von einer ausgedehnten, relativ flachen Tiefdruckzone, die sich von Skandinavien bis zum westlichen Mittelmeer erstreckte. Ein darin eingelagertes Bodentief über Mittelfrankreich verlagerte sich im Laufe des Tages langsam nordostwärts Richtung Deutschland. Seine Kaltfront überquerte dabei in der zweiten Tageshälfte die Alpennordseite. An dieser Konvergenz setzte die Entwicklung der Gewitterzellen ein. Voraussetzung dafür war aber die feucht-labile Luftmasse, die unmittelbar vor der Kaltfront vorhanden war (Abb. 1). Zudem förderte ein in der Südwestströmung eingelagerter, kurzwelliger Höhentrog mit seinem Hebungsantrieb sowie der Kaltluftzufuhr in der Höhe die Auslösung der Konvektion (Abb. 2). Im Vorfeld des Tiefs kam in den Alpentälern vorübergehend Föhn auf. Mit der Sonneneinstrahlung stiegen die Temperaturen vielerorts auf über 20 Grad an, was die Labilität zusätzlich unterstützte.

 

Vertikalprofil von Payerne, 11.5.2010 12 UTC

Abb. 1: Radiosondierung von Payerne, 11.5.2010 12 UTC. KKN steht für Konvektives Kondensationsniveau. Die rote Fläche stellt das sog. CAPE dar, also die durch Konvektion verfügbare potentielle Energie.

Wettersituation über Europa am Nachmittag des 11.5.2010.

Abb. 2: Wetterlage am Nachmittag des 11.5.2010 mit METEOSAT- und Radarbild. Die schwarzen Linien markieren die Höhenströmung auf 500 hPa (ca. 5500 m) mit dem kurzwelligen Höhentrog über Frankreich. Die farbigen Linien die Temperaturverteilung auf 850 hPa (ca. 1500 m), die enge Scharung der Temperaturlinien über der Westschweiz deutet auf die Kaltfront hin.

Durchzug der Gewitterlinie

Mit der Annäherung der Kaltfront entstand bereits kurz nach Mittag das erste Gewitter in der Nordwestschweiz und zog ostwärts über Basel hinweg. Mit dem weiteren Voranschreiten der Kaltfront entwickelten sich kurz nach 15 Uhr im Gebiet Emmental-Entlebuch drei Gewitterzellen, die sich linienförmig anordneten und dann nach Ost zogen (Abb. 3). Die starken Regenfälle und der Hagel führten zu einer vorübergehenden kräftigen Abkühlung auf 10 Grad oder noch weniger. Dies führte zu einer markanten lokalen Verstärkung des Druckunterschiedes, so dass sich eine Böenfront formieren konnte. Diese Böenfront zog mit den Gewittern von der Zentralschweiz zum Zürichsee und weiter über das Zürcher Oberland zur Ostschweiz. Dabei wurden Windspitzen von 60 bis 100 km/h gemessen (Abb. 4).

 

Radarbild 1415 UTC

Abb. 3: Radarbild von 1415 UTC, entspricht etwa dem Foto aus der Zentralschweiz in der Bildergalerie rechts.

Radaranimation.gif, 8.2 MB
Böenspitzen.

Abb. 4: Maximale Böenspitzen vom 11.5.2010.

Windspitzen_gross.gif, 103 KB

Starker Druckanstieg und heftige Sturmböen

In Luzern verursachte der Durchzug des Hagelgewitters innert einer Stunde einen Druckanstieg um 6 hPa was Böenspitzen von 95 km/h zur Folge hatte, und gleichzeitig ging mit einsetzendem Niederschlag die Temperatur kurzzeitig bis auf 6 Grad zurück. Ausserordentlich heftige Sturmböen traten auch in Schmerikon am Obersee auf, wo 102 km/h registriert wurden. Nachdem die Gewitterlinie am Abend den Bodensee erreichte, zog sie weiter ins benachbarte Allgäu. Wie die Hagelanalyse aus den Radardaten zeigt (Abb. 5), erstreckte sich ein Hagelzug von der Zentralschweiz über das Seetal hinweg bis in den Thurgau, ein weiterer verlief über die Nordwestschweiz. Die Karte der Blitze (Abb. 6) markiert auch sehr schön die Zugbahnen der Gewitter.

 

Hagelkarte

Abb. 5: Hagelkarte erstellt aus der Analyse von Radardaten, grüne und rote Flächen markieren die Gebiete mit hohen Hagel-Wahrscheinlichkeiten.

Hagelkarte_gross.gif, 9 KB
Blitzkarte.

Abb. 6: Karte der Blitze vom Nachmittag des 11.5.2010. Entsprechend der Legende sind die grünen Blitze die ältesten, die roten Blitze die jüngsten.

Gewitteraufzug in der Ostschweiz

Gewitteraufzug in der Ostschweiz

Mammatuswolken über dem Hörnlibergland

Mammatuswolken über dem Hörnlibergland

Starke Aufwindzone über dem Toggenburg

Starke Aufwindzone über dem Toggenburg

Böenkragen bei Bazenheid

Böenkragen bei Bazenheid

Gewitterkern mit Hagel

Gewitterkern mit Hagel

Hagelgewitter über der Zentralschweiz

Hagelgewitter über der Zentralschweiz

Zerfetztes Laub ...

... und Hagel auf den Strassen

Vegetation in Mitleidenschaft gezogen

Vegetation in Mitleidenschaft gezogen

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