MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

12. Juli 2010 / Heinz Maurer, Daniel Gerstgrasser, Andreas Asch

 

Heftige Gewitter am 10. und 12. Juli 2010

 

Nach grosser Hitze Unwetter am Samstag, 10. Juli

Am Samstag 10. Juli 2010 sorgte zuerst noch leichter Hochdruckeinfluss in der ganzen Schweiz für sonniges Wetter. Die Temperaturen stiegen dabei in der sehr warmen Luftmasse rasch auf hochsommerliche Werte an. Am Nachmittag lagen dann die Höchstwerte im ganzen Land bei heissen 31 bis 35 Grad. Selbst auf 1000 bis 1400 Metern wurden in den inneren Alpentälern heisse Werte von 30 bis 32 Grad gemessen (siehe Bild 1). Aber auch in den Bergen war es sehr warm und die Nullgradgrenze kletterte bis gegen 4700 Meter.

 

Höchsttemperaturen vom Samstag, 10. Juli 2010

Bild 1: Höchsttemperaturen im Messnetz von MeteoSchweiz vom Samstag, 10. Juli 2010

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Am Nachmittag näherte sich dann ein vor allem in den höheren Luftschichten sichtbarer kleiner und schwacher Tiefdrucktrog von Frankreich her (siehe Bild 2). Dieser aktivierte eine damit verbundene Gewitterstörung über unserem Land.

 

Höhenwetterkarte (500 hPa, ca. 5900 Meter) vom Samstag, 10. Juli 2010, 14 Uhr Lokalzeit

Bild 2: Höhenwetterkarte (500 hPa, ca. 5900 Meter) vom Samstag, 10. Juli 2010, 14 Uhr Lokalzeit.

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In der zunehmend heissen und feuchtlabil geschichteten Luftmasse bildeten sich zuerst im Jura und in den Alpen grössere Quellwolken und zum Teil heftige Gewitter. Gegen Abend kam es dann aber auch im Mittelland zu teilweise kräftigen Gewittern. Einzig im Mittel- und Südtessin blieb es weitgehend trocken. Bild 3 zeigt die Niederschlagsverteilung und -summe der drei Radars von MeteoSchweiz.

 

24-stündige Niederschlagssumme vom 10. Juli 2010 anhand der Radardaten

Bild 3: 24-stündige Niederschlagssumme vom 10. Juli 2010 anhand der Radardaten.

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Allgemein gab es deutlich verbreiteter und lokal heftigere Gewitter als die Wettermodelle vorausberechnet hatten. Nach den Modellen hätte die aktivste Phase einen Tag später, am Sonntag, stattfinden sollen. Dies traf dann nur im Mittel- und Südtessin zu, obwohl es dort auf Grund des Lokalmodells von Samstag früh an hätte trocken bleiben sollen.

 

Die heftigsten Gewitter waren von Hagel, Sturmböen, Starkregen und häufigen elektrischen Entladungen begleitet. Der intensivste Hagelzug zog dabei wie oft von den westlichen Voralpen über das Napfgebiet und das Entlebuch nach Luzern, Zug und Zürich. Aber auch in den übrigen Gebieten gab es lokal grössere Zellen, vor allem im Jura und im Mittelland. Bild 4 zeigt die Regionen, in denen mit grosser Wahrscheinlichkeit Hagel aufgetreten ist.

 

Hagelwahrscheinlichkeit anhand der Radardaten vom 10. Juli 2010

Bild 4: Hagelwahrscheinlichkeit anhand der Radardaten vom 10. Juli 2010. grün=Hagel möglich; rot=Hagel wahrscheinlich.

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Die stärksten Sturmböen wurden in der Nähe der heftigsten Gewitter gemessen. Der Höchstwert von 110,5 km/h in Wädenswil entspricht dabei einem Ereignis, das statistisch alle sechs Jahre zu erwarten ist. Der zweithöchste Wert mit 109,1 km/h in Luzern kann durchschnittlich alle 3 Jahre auftreten. Bild 5 zeigt die Böenspitzen vom Samstag.

 

Böenspitzen in km/h vom Samstag, 10. Juli 2010

Bild 5: Böenspitzen in km/h vom Samstag, 10. Juli 2010. Werte über 90 km/h sind rot markiert.

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Der Starkregen wird natürlich am Besten mit dem Radarbild abgebildet (Bild 3). Doch auch einzelne Stationen, die vom Starkregen getroffen werden, geben Auskunft über die Intensität von Gewittern. Auf dem Grand St-Bernard wurden zum Beispiel innert etwa einer Stunde 62 mm oder l/qm gemessen, in Zürich-Affoltern waren es innert einer Stunde 57,8 mm oder l/qm. Das ist der höchste je an dieser Station in einer Stunde gemessene Wert. Statistisch gesehen handelt es sich etwa um ein Ereignis, das alle 100 Jahre vorkommt (Bild 6). Bild 7 zeigt den Verlauf des Starkregens auf dem Grand St-Bernard und in Zürich-Affoltern.

 

Extremwertverteilung der 1-stündigen Niederschlagssummen der Station Zürich-Affoltern

Bild 6: Extremwertverteilung der 1-stündigen Niederschlagssummen der Station Zürich-Affoltern.

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 Verlauf der 10-minütigen Niederschlagssummen an den Stationen Zürich-Affoltern und Grand St. Bernard

Bild 7: Verlauf der 10-minütigen Niederschlagssummen an den Stationen Zürich-Affoltern und Grand St-Bernard.

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Die Gewitter vom Samstag waren auch verbunden mit auffällig häufigen elektrischen Entladungen. Dabei wurden vor allem auch viele Fernblitze registriert, in Cham und Ägeri beispielsweise über 2000! Bei den Nahblitzen schwang Cham mit 54 obenaus, und zwar ebenfalls in etwa einer Stunde (siehe Bild 8).

 

Summe der Nah- und Fernblitze an den Wetterstationen von MeteoSchweiz am Nachmittag und Abend des 10. Juli 2010

Bild 8: Summe der Nah- und Fernblitze an den Wetterstationen von MeteoSchweiz am Nachmittag und Abend des 10. Juli 2010.

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Erneut kräftige Gewitter und stürmische Winde bis ins Mittelland am Montag, 12.Juli

 

Auch am Montag 12. Juli zogen wieder heftige Gewitter über Teile der Alpennordseite hinweg. Von den Gewittern betroffen waren vor allem der Jura und die Voralpen. Im Mittelland und insbesondere am Jurasüdfuss hingegen verursachte der starke bis stürmische Wind stellenweise Probleme.

 

Im Vorfeld einer Kaltfront über Frankreich wurde die Schichtung der Atmosphäre zunehmend instabil (siehe Bild 9), und kurz nach Mittag bildeten sich am Jura sehr rasch kräftige Gewitter (siehe Bild 12).

 

Radiosondierung Payerne 12 Uhr UTC

Bild 9: Radiosondierung Payerne von 14 Uhr (12. Juli 2010). Die rot eingefärbte Fläche stellt das verfügbare Energiepotential der Luftmasse dar, in der Meteorologie CAPE genannt. Dieses erreicht hier 2400-2700 J/kg was für unsere Breiten ein sehr grosser Wert ist.

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Durch die ersten Gewitter im Jura kühlte hier die Luft stark ab, der Jurasüdfuss lag aber weiterhin in der sehr warmen Luft. Der dadurch entstandene Temperaturgegensatz wurde durch den aufkommenden, böigen Nordwestwind allmählich ausgeglichen. Am Jurasüdfuss ist dieser Fallwind vom Jura her als Joran bekannt (siehe Bild 10).

 

Wind und Temperatur Grenchen/Cressier

Bild 10: Windgeschwindigkeit (oben) und Lufttemperatur (unten) an den Messstationen Grenchen und Cressier. Etwa um 15 Uhr UTC (17 Uhr Lokalzeit) stürzt der Joran in Sturmstärke zu den Messstationen in Grenchen und Cressier herunter. Gleichzeitig ist damit markant kühlere Luft eingeflossen.

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Windspitzen am 12. Juli 2010

Bild 11: Windspitzen am 12. Juli 2010. Die höchsten Werte sind am Jurasüdfuss zu finden.

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Auch im übrigen Mittelland floss mit dem starken bis stürmischen Nordwestwind die Kaltluft ein und es wurden verbreitet 60 bis 70 km/h registriert (siehe Bild 11). Die Abkühlung sorgte gleichzeitig für eine Stabilisierung der Atmosphäre und die Gewitterentwicklung wurde hier verhindert. Erst als der Nordwestwind die Orographie der Voralpen erreichte wurden mit der erzwungenen Hebung erneut kräftige Gewitter ausgelöst (siehe Bild 13 und 14). Die Gewittertätigkeit setzte zuerst in den Waadtländer Alpen und im Schwarzenburgerland ein und verlagerte sich in der Folge über das Berner Oberland und die Innerschweiz zu den Glarner Alpen und weiter Richtung Österreich.

 

Bodenwind und Radarecho 15 Uhr

Bild 12: Bodenwind und Radarecho um 15 Uhr Lokalzeit. Die ersten Gewitter wurden an der Jurakette ausgelöst. Der Bodenwind hier ist Nordwest. In den übrigen Gebieten herrschen noch schwache variable Winde.

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Bodenwind und Radarecho 17:30 Uhr

Bild 13: Bodenwind und Radarecho um 17:30 Uhr Lokalzeit. Auch an den Voralpen herrschen Nordwestwinde. Nun entstehen auch hier kräftige Gewitterzellen.

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Bodenwind und Radarecho 19 Uhr

Bild 14: Bodenwind und Radarecho um 19 Uhr Lokalzeit. Die Gewitterauslösung verlagert sich nun auch ostwärts den Voralpen entlang.

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Hagelwahrscheinlichkeit anhand der Radardaten vom 12. Juli 2010.

Bild 15: Hagelwahrscheinlichkeit anhand der Radardaten vom 12. Juli 2010. grün=Hagel möglich; rot=Hagel wahrscheinlich.

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