MeteoSchweiz

Aktuelles zum Wettergeschehen

22. Dezember 2009 / Ludwig Z'graggen, Jacques Ambühl

 

Starker Föhnsturm im Urner Reusstal

 

In der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember blies der Föhn im Urner Reusstal mit aussergewöhnlicher Stärke. In Altdorf wurde um 20.10 Uhr eine Böenspitze von 140.4 km/h gemessen, wie Abbildungen 1 und 2 zeigen. Obwohl bei Föhn Böenspitzen von über 100 km/h in Altdorf keine Seltenheit sind und auch 120 km/h im Schnitt alle 2 bis 3 Jahre erreicht oder überschritten werden, sind 140 km/h doch als ein seltenes Ereignis einzustufen. Seit Anfang der 80er Jahre, also seit Einführung von einheitlichen Messungen, wurden nur 4 Mal höhere Böenspitzen verzeichnet, nämlich am:

13.12.1981 154.8 km/h (Föhnsturm)
16.12.1989 142.6 km/h (Föhnsturm)
29.01.1986 142.2 km/h (Föhnsturm)

sowie am

26.12.1999 149.0 km/h (Weststurm Lothar).

Auch in früheren Jahren (Messbeginn der Windgeschwindigkeit im Jahre 1955) wurden 140 km/h in Altdorf selten überschritten. Dies war zum Beispiel der Fall am:

08.12.1977 145 km/h
08.11.1962 140 km/h

Für eine ebene Lage sind allerdings 140 km/h eine aussergewöhnlich hohe Windgeschwindigkeit. Zum Beispiel wurden beim Weststurm Lothar im Mittelland maximale Böenspitzen von knapp über 130 km/h gemessen, so im frei gelegenen Kloten. Höhere Werte wurden nur auf Anhöhen wie am Zürichberg mit 159 km/h oder durch Kanalisierungseffekte eines Tales, beispielsweise an der Station Brienz mit 181 km/h registriert.

 

Verlauf der Böenspitzen in den Alpentälern

Abbildung 1: Verlauf der Böenspitzen in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 2009 an einigen Föhnstationen.

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Abbildung 2: Maximale Böenspitzen in der Schweiz in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 2009

Abbildung 2: Maximale Böenspitzen in der Schweiz in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 2009

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Wie fast immer bei Föhn war auch die mittlere Windgeschwindigkeit sehr hoch und die Dauer des Sturms lange. So wurde die erste Böe mit über 100 km/h bereits um 15:20 Uhr verzeichnet und noch um 23.40 Uhr wurden ein letztes Mal 100 km/h überschritten. Beim Weststurm Lothar wurden beispielsweise in Kloten nur gerade während 20 Minuten 100 km/h überschritten.

Das höchste Stundenmittel wurde um 19 Uhr mit 72 km/h erreicht. Dies ist ein sehr hohes Stundenmittel, es gab in Altdorf allerdings auch schon höhere Werte. So blies der Föhn am 13.12.1981 mit einer durchschnittlichen Windgeschwindigkeit von 104 km/h. Noch heftiger tobte der Föhn am 8.11.1982 im nahe gelegenen Isleten am Urnersee. Damals erreichte der Föhnsturm mittlere Windgeschwindigkeiten von 107 km/h. Dies ist übrigens das höchste Stundenmittel, das jemals in den Niederungen der Schweiz gemessen wurde. Auch der Weststurm Lothar kam mit maximal 96 km/h in Brienz nicht an diesen Wert heran.

 

Der Föhnsturm der vergangenen Nacht war im Weiteren nicht ein typischer Föhnfall, denn in den anderen Föhntälern war der Föhn nicht aussergewöhnlich stark. So wurde in Vaduz eine Böenspitze von 109 km/h erreicht, was für diese Station nicht aussergewöhnlich ist; Glarus kam sogar nur auf 91 km/h, vgl. Abbildung 2. Der Grund für dieses Verhalten lag in der Höhenströmung und in den Schichtungsverhältnissen auf der Alpensüdseite. Anders als bei Föhnstürmen, welche den ganzen Alpennordhang erfassen, wehte der Höhenwind nicht aus Süd oder Südwest, sondern aus Westsüdwest. Der Föhn wurde also nicht wesentlich vom Höhenwind unterstützt, vgl. Abbildung 3.

 

Abbildung 3: Windrichtung auf 300 hPa (Jetniveau) aufgrund der Vorhersage des COSMO-7 Modelles

Abbildung 3: Windrichtung und -stärke auf 300 hPa (Jetniveau) auf Grund der Vorhersage des COSMO-7 Modells.

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Nun lagerte aber südlich der Alpen in den unteren Luftschichten markant kältere Luft als im Norden (siehe Abbildung 4), was sich auch im maximalen Druckunterschied zwischen Locarno mit 1013 hPa und 995 hPa in Altdorf, also einer Differenz von 18 hPa manifestierte, vgl. Abbildung 5. Die Kaltluft war allerdings so mächtig, dass sie die Kammhöhe des Gotthardgebiets überqueren konnte. Der grosse Temperaturunterschied von 6 Grad  zwischen dem Gütsch ob Andermatt  und dem nur wenig tiefer gelegenen Pilatus weist darauf hin, dass die Kaltluft der Alpensüdseite den Alpenkamm überschritt. Anschliessend stürzte diese Kaltluft boraartig ins steil abfallende Urner Reusstal und beschleunigte sich markant und erreichte so die hohen Windgeschwindigkeiten im unteren Reusstal. Es handelte sich somit um einen sogenannten seichten Föhn. Es ist nicht selten, dass ein seichter Föhn in Altdorf starke Sturmböen auslöst. Das für Altdorf bisher stärkste Föhnereignis vom 13.12.1981 ist nämlich ebenfalls auf einen seichten Föhn zurückzuführen.

 

Abbildung 4: Lufttemperatur in der Schweiz um 20 Uhr (zur Zeit des Höhepunktes des Föhnsturmes).

Abbildung 4: Lufttemperatur in der Schweiz um 20 Uhr (zur Zeit des Höhepunkts des Föhnsturms).

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Abbildung 5: Luftdruck auf Meerreshöhe reduziert (QFF) in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 2009 an den Stationen Locarno-Monti und Altdorf

Abbildung 5: Luftdruck auf Meereshöhe reduziert (QFF) in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 2009 an den Stationen Locarno-Monti und Altdorf.

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Das im übrigen als Jahrhundertföhn bezeichnete Ereignis vom 8.11.1982 war hingegen ein typischer Föhnfall. In der Höhe wehte ein kräftiger Süd- bis Südwestwind. Die Höhenwindunterstützung war somit gegeben. Der wichtigste Faktor war allerdings die im Verhältnis sehr kalte Luft, welche aus Südosten der Alpensüdseite zugeführt wurde und im Weiteren deren grosse Mächtigkeit. Diese kalte Luft war imstande, auch höhere Alpenkämme mühelos zu überqueren und dann in die nordalpinen Täler hinabzustürzen. Damals wurden am ganzen Alpennordhang ausserordentliche Windverhältnisse festgestellt. In Engelberg wurde am Morgen des 8. Novembers eine Böe von 158 km/h registriert und auch in Guttannen im Berner Oberland und in Giswil in Obwalden erreichten die Böen 150 km/h. Auch in den übrigen Alpentälern erreichte der Föhn verbreitet 130 km/h und mehr. An exponierten Kammlagen wurden noch weit höhere Werte verzeichnet. Auf dem Gütsch ob Andermatt zeigte der Windmesser maximal 196 km/h an und ein von Herrn Markus Ragaz im Sustenpassgebiet auf einer Fahnenstange montiertes Anemometer brachte es auf ausserordentliche 246 km/h. Abbildung 6 zeigt die aussergewöhnlichen Druckverhältnisse im Alpenraum bei diesem extremen Föhnereignis. Damals wurden die bisher grössten Druckunterschiede zwischen Alpensüd- und Alpennordseite verzeichnet. Sie erreichten den ausserordentlichen Wert von 28 hPa.

 

Abbildung 6: Föhnfall vom 08. November 1982

Abbildung 6: Handgezeichnete Wetterkarte vom sogenannten Jahrhundertföhnsturm vom 8. November 1982.

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