6. April 2006 / Daniel Gerstgrasser
Genau einen Monat nach den Rekordschneefällen in der Nord- und Ostschweiz hat sich Anfang April der Winter noch einmal mit aller Kraft bis ins Flachland zurückgemeldet. Nachdem am Dienstag, 4. April 2006 ausgesprochen sonniges und 13 bis knapp 15 Grad mildes Frühlingswetter herrschte, stellte sich die Wetterlage in der Nacht auf den Mittwoch, 5. April 2006 markant um.
Ähnliche Wetterlage wie bei den Rekordschneefällen vor Monatsfrist
Auch im vorliegenden Fall war eine aktive Luftmassengrenze in Verbindung mit einer so genannten Gegenstromlage für die markanten Niederschläge verantwortlich. Im Bereich der Luftmassengrenze, welche recht lange stationär über dem Mittelland lag, herrschten in den oberen Schichten südwestliche Höhenwinde. Diese brachten feuchte und eher milde Luftmassen von der Iberischen Halbinsel zur Alpennordseite. Gleichzeitig herrschten unterhalb von etwa 1300 Metern nordöstliche Winde vor. Diese führten kalte Festlandluft aus dem Nordosten Deutschlands zu uns. Diese Konstellation begünstigt Aufgleitvorgänge und damit die Niederschlagsbildung (siehe auch Bild 3).
Bild 2: Bodenwetterkarte mit Fronten vom 5. April 2006, Mittag. Die Schneefälle wurden erneut im Bereich einer markanten Luftmassengrenze ausgelöst.
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Niederschlagsabkühlung sorgte für ein rasches Absinken der Schneefallgrenze
Bereits in der Nacht auf den Mittwoch setzten in der westlichen Landeshälfte kräftige Niederschläge ein. Bis am frühen Morgen fielen zwischen dem Neuenburgersee und dem Emmental bereits 15 bis 20 mm Niederschlag. Aufgrund der hohen Niederschlagsintensitäten machte sich die Niederschlagsabkühlung bemerkbar. Dabei entziehen die schmelzenden Schneeflocken auf dem Weg Richtung Erdboden der Umgebungsluft Wärme - bei wenig Wind kühlen sich die unteren Luftschichten dabei sukzessive ab und die Schneefallgrenze kann allmählich bis in tiefe Lagen sinken (siehe auch Bild 3).
Bild 3: Radiosondierung (Höhenprofil der Temperatur = rote Linie, Feuchtigkeit = rosa Linie, sowie der Windstärke und -Richtung = blaue Linie und Pfeile) von Payerne, VD vom 5. April 2006, 14 Uhr Lokalzeit. Unterhalb von etwa 1300 Metern weht der Wind aus Nordosten, darüber aus Südwesten. Die untersten Luftschichten sind isotherm und ausgesprochen feucht, das heisst die Temperatur liegt konstant bei etwa 0 Grad (Schnee fällt bis in tiefe Lagen).
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Die Niederschlagsabkühlung ist an und für sich ein bekanntes Phänomen und wirkt vor allem in den Alpentälern aufgrund des geringeren Luftvolumens sehr effizient. Allerdings sind die genauen Auswirkungen dieses Prozesses recht schwierig zu prognostizieren. Etwas überraschend schneite es deshalb in den Regionen Bern, Emmental und am Bielersee bereits am frühen Morgen bis in tiefe Lagen. In der Ajoie und im Raum Basel hingegen waren die Schneefälle in den Morgenstunden nicht sehr überraschend, da die bodennahe Kaltluft von Norden her wie erwartet durch die oberrheinische Tiefebene eingesickert ist. Tagsüber schneite es mit Ausnahme der Genferseeregion im Flachland der Alpennordseite recht verbreitet, während weniger intensiven Niederschlagsphasen ging der Schnee in den tiefsten Lagen des Mittellandes zeitweise in Schneeregen oder Regen über.
Bild 4: Niederschlagssummen der automatischen Stationen von MeteoSchweiz vom 4. April 2006, 00 Uhr UTC bis 5. April 2006, 23.50 UTC. Im Flachland und der ersten Voralpenkette entlang fielen verbreitet 20-30mm, lokal sogar knapp über 40mm Niederschlag (der Schnee wird im Niederschlagssammler mit einer eingebauten Heizung geschmolzen).
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Bild 5: 24-stündige Neuschneehöhe. Morgenmessung der Wetterbeobachter von MeteoSchweiz vom 5. April 2006, 8 Uhr Lokalzeit. In den Lagen unterhalb von 400 bis 600 Metern ist ein Grossteil des gefallenen Schnees sofort wieder abgeschmolzen. Oberhalb von etwa 1000 Metern ist nahezu der gesamte Niederschlag in Form von Schnee liegengeblieben. So wurden beispielsweise auf dem Hörnli (1144m) im Zürcher Oberland nach Auskunft des Berggasthauses 30cm Neuschnee gemessen.
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Vereinzelt neue Rekordwerte für den April an den Stationen mit kürzeren Beobachtungsreihen
Schneefälle bis ins Flachland sind in der ersten Aprilhälfte eigentlich kein aussergewöhnliches Ereignis. Trotzdem wurden an einzelnen Stationen neue Höchstwerte für die 24-stündigen Neuschneemengen gemessen. Dies zum Beispiel an der Station Tänikon (536m) im Thurgau, wo am Morgen des 6. April 2006 12cm Schnee gemessen wurden. Dies ist die grösste 24-stündige Neuschneesumme seit Beginn der Messungen vor 35 Jahren. In Basel-Binningen (316m), wo die tägliche Schneehöhe seit 75 Jahren (1931) systematisch erfasst wird, wurde mit 6cm Neuschnee der zweithöchste Wert erreicht. Noch mehr Neuschnee wurde am 1. April 1952 mit 10cm gemessen. An der Klimastation in Haidenhaus, TG (702m) auf dem Seerücken wird die Schneehöhe seit 1964 gemessen, die 16cm vom Morgen des 5. April 2006 ist in den 42 Beobachtungsjahren der dritthöchste Wert. Mehr Schnee lag im Monat April mit 26cm nur im Jahre 1983 und mit 21cm im Jahre 1975. An der Station Zürich/MeteoSchweiz wurden 11cm Neuschnee gemessen, in der langjährigen Statistik bedeutet dies Rang 7.
Rangliste: 24-stündige Neuschneehöhen im April von 4 ausgewählten Stationen
| | Tänikon, TG (536m) | | | Haidenhaus, TG (702m) | |
| | Messung seit 1971 | | | Messung seit 1964 | |
| 1. Rang | 6. April 2006 | 12cm | | 3. April 1983 | 26cm |
| 2. Rang | 9. April 1975 | 10cm | | 9. April 1975 | 21cm |
| 3. Rang | 9. April 1977 | 9cm | | 6. April 2006 | 16cm |
| 4. Rang | 10. April 1973 | 8 cm | | 8. April 2006 | 15cm |
| 5. Rang | 5. April 1986 | 7cm | | 21. April 2001 | 15cm |
| | Basel-Binningen, (316m) | | | | Zürich, Fluntern (556m) | |
| | Messung seit 1931 | | | | Messung seit 1931 | |
| 1. Rang | 01. April 1952 | 10cm | | | 01. April 1952 | 25cm |
| 2. Rang | 10. April 2003 | 6cm | | | 10. April 1973 | 16cm |
| 3. Rang | 06. April 2006 | 6cm | | | 09. April 1975 | 15cm |
| 4. Rang | 10. April 1986 | 5cm | | | 21. April 2001 | 15cm |
| 5. Rang | 04. April 1970 | 4cm | | | 05. April 1956 | 14cm |
Ausgesprochen milde Temperaturen in den Alpen
Während es im Flachland der Alpennordseite am Mittwochnachmittag schneite, lagen die Alpenregionen südlich der erwähnten Luftmassengrenze in ausgesprochen milder Luft. In einem Streifen vom Simplon- über das Gotthardgebiet bis nach Graubünden blieb es weitgehend trocken, und dank einer schwachen bis mässigen Föhnströmung kletterten die Temperaturen in Chur mit 2.6 Stunden Sonne auf 15 Grad. Die Nullgradgrenze lag auf etwa 2000 Metern (siehe auch Bild 6).
Verläufe der Temperatur (oben), der Sonnenscheindauer (mitte) und des Niederschlages (unten) der Station Zürich/MeteoSchweiz, 556m (blau) und Chur, 555m (rot). Während in Zürich ein negativer Tagesgang (sinkende Temperaturen im Tagesverlauf) zu verzeichnen war, stiegen die Werte in Chur dank einer leichten Föhnströmung bis auf 15 Grad.
In Chur wurden insgesamt 2.6 Stunden Sonne registriert, während es in Zürich ganztags trüb blieb.
In Chur regnete es am frühen Morgen für kurze Zeit, danach blieb es trocken. In Zürich hingegen regnete es anhaltend, die Intensitäten lagen zwischen 2 und 3 mm pro Stunde
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Bild 6: Webcam Landquart aus dem Kameranetz der MeteoSchweiz, 5. April 2006, 15 Uhr Lokalzeit. Während es im Mittelland schneit, sorgte hier die föhnige Südwestströmung für sonnige Abschnitte und Temperaturen um 15 Grad.
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