In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts nahm die politische Bedeutung der Zünfte ab und das Sechseläuten als traditionelles Zürcher Zunftfest erhielt neues Leben durch den Einbezug der Kratzbuben mit ihrem Bööggen. Bald zählte das Sechseläuten mit der Exekution des Bööggs als symbolische Verbrennung des Winters zu den bedeutendsten Brauchtumsfesten der Stadt.
Seit dem zweiten Weltkrieg wird das heutige Sechseläuten-Ritual mit dem Kinderumzug am Sonntag und dem Festzug der Zünfte am Montag mit anschliessendem Entfachen des Bööggs durchgeführt. Beim heutigen Böögg handelt es sich nicht mehr um eine einfache Strohpuppe, sondern um einen 3.4 Meter hohen und 80 Kilogramm schweren Schneemann aus Watte. Seine Herstellung benötigt sechs Tage, und aus Sicherheitsgründen erfolgt die Bestückung mit Brandbeschleunigern erst wenige Tage vor dem Fest. Am Sechseläuten-Montag wird er auf einem 13 Meter hohen Reisighaufen platziert und beim sechsten Schlag der Kirche St. Peter angezündet.
Nun stellt der Böögg jedes Jahr eine Prognose für den Sommer auf. Der Volksmund sagt: Je kürzer die Brennzeit des Wattemannes ausfällt, desto schöner wird der kommende Sommer.
Grafik: Mittlere gemessene Sommertemperatur in Abhängigkeit von der Brennzeit des Bööggs mit linearer Regression. Dargestellt sind die Jahre 1965-2005. Rot dargestellt ist der Wert des Hitzesommers 2003.
Um die Aussage über die "Schönheit" des Sommers prüfen zu können, werden geeignete Vergleichsgrössen benötigt. In diesem Fall bietet sich die mittlere Sommertemperatur an. In obiger Grafik ist die mittlere Sommertemperatur gegen die Brennzeit des Bööggs aufgetragen. Eingezeichnet ist zusätzlich die Regressionsgerade. Die statistische Analyse ergibt einen Korrelationskoeffizienten von lediglich 0.08, der noch dazu über keinerlei statistische Signifikanz verfügt. Das heisst, eine Vorhersagequalität des Bööggs ist nicht nachweisbar. Bemerkenswert ist jedoch, dass der Böögg vor dem Hitzesommer 2003 mit nur 5.7 Minuten sehr kurz gebrannt hat. Wird nun die Korrelationsanalyse ohne dieses Jahr durchgeführt, fällt das Resultat noch eindeutiger aus.
Dass der Böögg bei dieser Untersuchung so schlecht abschneidet, ist nicht überraschend. Woher soll denn auch ein brennender Schneemann aus Watte über gute Vorhersage-Qualitäten verfügen? Viel mehr hängt seine Brennzeit vom Aufbau des Reisighaufens, der Feuchtigkeit des verwendeten Holzes und dem jeweiligen Wetter am Sechseläuten-Montag ab. Von entscheidender Bedeutung ist auch die Menge der eingesetzten Brandbeschleuniger.
Obwohl die Sommerprognose des Bööggs wissenschaftlich nicht gestützt werden kann, wird in Zürich wohl kaum auf dieses Orakel verzichtet werden. So wird der Sommer auch dieses Jahr mit Spannung erwartet werden, um zu sehen, ob der Böögg nicht vielleicht doch Recht hatte.
Ein klein wenig mehr Gewissheit über den kommenden Sommer bringt die saisonale Vorhersage der MeteoSchweiz, die das Klima über mehrere Monate im Voraus mit Hilfe eines numerischen Modells prognostiziert.
Was ist eine saisonale Vorhersage?
Ein Vergleich der auf diese Weise vorhergesagten mittleren Sommertemperaturen mit den zugehörigen Messwerten ergibt im Gegensatz zum Böögg tatsächlich einen statistisch signifikanten Zusammenhang; allerdings können auch mit dieser Methode nicht mehr als 25% der auftretenden Varianz erklärt werden. Die Sommerprognose wird Ende Mai verfügbar sein.
Quelle:
Saisonale Vorhersage in Tradition und Moderne: Vergleich der "Sommerprognose" des Zürcher Bööggs mit einem dynamischen Klimamodell
