Das globale Klima ist auf Rekordjagd – auch in der Schweiz?

30 novembre 2015, 11 Commenti
Temi: Clima

Global fallen dieses Jahr die Temperaturrekorde: Der Juli 2015 war der wärmste je gemessene Monat und auch der August, September und Oktober 2015 waren allesamt Rekordmonate. Zudem dürfte das Jahr 2015 gemäss der Weltorganisation für Meteorologie global gesehen das wärmste Jahr seit Messbeginn werden und – zum ersten Mal überhaupt – die Marke von +1 °C zum vorindustriellen Niveau überschreiten. Wie sieht die Entwicklung für die Schweiz aus?

Warum ist das Jahr 2015 global gesehen so warm? Neben der menschgemachten Klimaerwärmung ist dieses Jahr im Pazifikraum das El Niño-Phänomen aktiv (siehe Blogbeitrag vom 19. November 2015), welches  die globale Temperatur in die Höhe treibt. Der sich abzeichnende Temperaturrekord für das Jahr 2015 könnte zudem zum ersten Mal die Marke von 1 °C Temperaturanstieg gegenüber dem vorindustriellen Niveau «knacken» (vgl. Abbildung 1). Damit wäre bereits die Hälfte der 2-°C-Erwärmung erreicht, welche der UNO-Klimagipfel 2009 als Grenze festlegtee, um gefährliche Auswirkungen der Klimaänderung zu limitieren.

Immer wärmer: global +1 °C, in der Schweiz schon deutlich mehr

Wie Auswertungen des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz zeigen, wird 2015 auch in der Schweiz ein warmes Jahr. Der rote Unsicherheitsbalken in Abbildung 1 zeigt, dass 2015 schweizweit wohl eines der vier wärmsten Jahre seit Messbeginn 1864 werden dürfte. Die Abweichung zum vorindustriellen Niveau ist für die Schweiz aber nicht 1 °C, sondern rund 2.5 °C. Das heisst, dass die lokale Erwärmung in der Schweiz deutlich stärker ist als global. Zudem bedeutet dies, dass das globale 2-°C-Ziel für die Schweiz lokal eine Erwärmung von 4‒5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau ausmachen dürfte. Eine weitere Auffälligkeit in Abbildung 1 ist, dass die Schwankungen von Jahr zu Jahr in der Schweiz viel grösser sind als global.

Die Klimaerwärmung in der Schweiz zeigt sich bereits eindrücklich

Die Auswirkungen der Klimaerwärmung in der Schweiz zeigen sich schon seit Längerem deutlich. Am augenfälligsten sind die Änderungen in Systemen, die sehr direkt von der Temperatur abhängen, so zum Beispiel bei den Gletschern, die sich seit vielen Jahren markant zurückziehen (eindrückliche Bilder: Gletscherarchiv).

Ebenfalls direkt mit dem Temperaturanstieg verbunden ist die zunehmende Hitze im Sommer, die beispielsweise für die Gesundheit oder die Landwirtschaft sehr relevant ist. So hat die Anzahl Hitzetage mit Tagestemperaturmaxima über 30 °C in den tieferen Lagen der Schweiz stark zugenommen. Das Beispiel von Bern (Abbildung 2a) zeigt eine mittlere Zunahme von 2‒3 Hitzetagen pro Jahr in den 1960er und 1970er Jahren auf rund 10 Hitzetage in den letzten 10‒15 Jahren. Spitzenwerte wurden im Sommer 2003 und 2015 verzeichnet, nämlich 28 respektive 26 Hitzetage. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, weitere Indikatoren können im Klimaindikatoren-Browser des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz aufgerufen werden.

Auch die Niederschläge verändern sich

Nicht nur rein temperaturgetriebene Grössen sind von der Klimaänderung beeinflusst, sondern auch viele weitere Grössen. So gibt es gewisse Tendenzen, dass sich die Niederschläge ändern. Viele Stationen des Schweizer Messnetzes zeigen eine positive Tendenz der Jahresniederschlagssummen seit 1901. Diese positive Tendenz hängt vor allem mit steigenden Niederschläge im Winter zusammen. Auch die Stärke und Häufigkeit der intensiveren Niederschläge nehmen an vielen Stationen tendenziell zu, was gut mit den erwarteten Änderungen in einer wärmeren Atmosphäre überein stimmt.

Die Schneedecke reagiert ebenfalls stark auf die steigenden Temperaturen. Nicht nur an tiefliegenden Standorten, sondern auch an höhergelegenen Orten hat die Schneebedeckung deutlich abgenommen. In Andermatt (1438 m ü. M.) zum Beispiel ist die Zeit mit Schneebedeckung von 1968 bis heute von etwa 190 auf 160 Tage zurückgegangen, sie ist jetzt also rund einen Monat kürzer (Abbildung 2b).

Klimagipfel in Paris

Die globalen Klimaverhandlungen gehen in die nächste Runde: Vom 30. November bis 11. Dezember 2015 findet in Paris die UN-Klimakonferenz (COP21) mit Teilnahme der Schweiz statt. Ein zentrales Ziel der Konferenz ist eine neue, umfassende internationale Klimaschutz-Vereinbarung. Die Schweizer Teilnahme wird vom Bundesamt für Umwelt BAFU koordiniert, welches laufend über die Entwicklungen in Paris informiert.

Commenti (11)

  1. Rolf Nick, 3.12.2015, 00:20

    Irgendwie finde ich es seltsam, dass jetzt, einen ganzen Monat bevor das Jahr zu Ende ist, schon so ausführlich über das vergangene Jahr berichtet wird.
    Das scheint in der Meteorologie aber System zu haben. Monatsberichte erscheinen auch immer kurz vor Monatsende - mit der Bemerkung, das seien vorläufige Resultate. Was soll das?
    Nun aber meine eigentliche Frage:
    Gibt es für 2015 einen Temperatur-Unterschied (Vergleich zum Mittelwert einer gegebenen Periode) zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre? Wurde das überhaupt untersucht?

    1. MeteoSvizzera, 4.12.2015, 09:27

      Im Artikel wird zunächst auf die global rekordwarmen Monate Juli, August, September und Oktober 2015 hingewiesen. Man spricht also im Rückblick über abgeschlossene Perioden. Einzig der Hinweis auf den sich abzeichnenden globalen Jahresrekord 2015 ist ein Ausblick.

      Zu den Monatsberichten kurz vor Monatsende:
      Mit der Veröffentlichung unserer Monats-Bulletins zwei Tage vor Monatsende haben wir auf einen vielseitigen Wunsch seitens der Medien reagiert. Ursprünglich veröffentlichten wir eine Kurzversion am 1. des Folgemonats. Mit zunehmender Dichte der Medienwelt mussten wir jedoch immer früher Auskünfte zum Monatswetter erteilen, das heisst noch vor Ablauf des Monats. Um nicht mehrfach dasselbe erzählen zu müssen, wählten wir die jetzige Vorgehensweise. Das Vorgehen hat uns sehr entlastet.

      Übrigens: Mit den heute zur Verfügung stehenden Prognosemodellen kann der Monat bereits einige Tage vor Monatsende sehr präzis zu Ende gerechnet werden. Das definitive Klimabulletin wird dann jeweils etwa 10 Tage nach Monatsablauf veröffentlicht:

      http://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/gegenwart/klima-berichte.html

      Das Jahr 2015 zeigte im monatlichen Verlauf bisher recht deutliche Unterschiede zwischen der nordhemisphärischen und südhemisphärischen Temperatur.

      Monatliche Temperatur Nordhemisphäre
      Abweichung in °C von der Norm 1961-1990

      2015/01 0.993
      2015/02 0.958
      2015/03 0.935
      2015/04 0.839
      2015/05 0.903
      2015/06 0.942
      2015/07 0.859
      2015/08 0.986
      2015/09 1.078
      2015/10 1.050

      Monatliche Temperatur Südhemisphäre
      Abweichung in °C von der Norm 1961-1990

      2015/01 0.380
      2015/02 0.364
      2015/03 0.422
      2015/04 0.474
      2015/05 0.488
      2015/06 0.518
      2015/07 0.534
      2015/08 0.497
      2015/09 0.490
      2015/10 0.573


      Quelle:
      Met Office Hadley Centre observations datasets, HadCRUT4 Data

  2. Siegfried Furman; Bern, 2.12.2015, 20:14

    Ich zitiere aus dem dritten Absatz: "Eine weitere Auffälligkeit in Abbildung 1 ist, dass die Schwankungen von Jahr zu Jahr in der Schweiz viel grösser sind als global." Leider kann ich mir in keinerlei Hinsicht vorstellen, wie diese Aussage im hier verwendeten Kontext Sinn macht.

    Ich würde sofort mein ganzes Vermögen darauf wetten, dass mindesten 2/3 aller Regionen die für den globalen Durchschnitt dieser Kurve verwendet wurden, höhere Schwankungen aufweisen als der globale Durchschnitt. Wahrscheinlich weisen sogar über 90% aller verwendeten Regionen, oder sogar alle Regionen, ausser vielleicht höchstens ein paar Inseln mit tropischem oder subtropischem Klima im Pazifik, Atlantik oder im Indischen Ozean kleinere Schwankungen auf als der globale Durchschnitt!

    Gerne lasse ich mich aber eines besseren belehren.

    1. MeteoSvizzera, 4.12.2015, 09:25

      In der Tat dürfte es so sein, dass die grosse Mehrheit der Regionen auf der Welt grössere Schwankungen aufweist als die global gemittelte Kurve. Ein wichtiger Grund ist die Tatsache, dass "Mitteln" über viele Regionen immer zu einer Glättung führt, sobald sich die Regionen nicht exakt gleich verhalten, was sie ja erwiesenermassen nicht tun. So gesehen geht ihr Hinweis sicher in die richtige Richtung. Genaue Zahlen dazu liegen uns im Moment aber nicht vor.

    2. Siegfried Furman, Bern, 5.12.2015, 01:40

      @MeteoSchweiz (Fr, 04. Dez. 2015, 09:25h)
      Vielen Dank für die Erklärung Ihrerseits. Genau das hatte ich mir gedacht. Ich hatte mich vorgestern an der obigen zitierten Textpassage geärgert, weil der oder die Leserin verstehen könnte, die hohen Schwankungen seien eine Besonderheit für die Schweiz (Vielleicht hat ja die Schweiz im Vergleich zu anderen Regionen höhere Schwankungen...Ich weiss es nicht. Jedenfalls gibt uns Abbildung 1 darüber keine Auskunft.).
      Ansonsten Kompliment an Eurer Seite: Für mich schon seit Jahren eine der beliebtesten Adressen im www.

  3. Simon Oberli, Rüegsauschachen, 30.11.2015, 20:46

    Interaktive Vergleichsfotos verschiedener Alpengletscher sind auf der Website http://www.GletscherVergleiche.ch zu finden.
    Die Fotovergleiche zeigen das zum Teil massive Abschmelzen der Schweizer Gletscher seit ca. 2007 bis heute. Dies sicher eine Folge des Klimawandels.

    1. MeteoSvizzera, 2.12.2015, 08:38

      Besten Dank für die Ergänzung.

    2. MeteoSvizzera, 3.12.2015, 11:47

      Unsere Kolleginnen/Kollegen von swisstopo haben ebenfalls eine Zusammenstellung der Gletscherstände gemacht: http://www.swisstopo.admin.ch/internet/swisstopo/de/home/apps/geodata_portal/timetravel.html

  4. Heinz Forter, Basel, 30.11.2015, 15:51

    Kommentare mit politischem Inhalt gehören vielleicht nicht hierher, aber meiner gehört nun ganz und gar zum obigen Thema. Laut Presse will die Schweiz den CO2-Ausstoss vor allem im Ausland reduzieren. Dabei gäbe es einen ganz einfachen Weg, eine enorme Reduktion im Inland zu erzielen: die Umsetzung der Alpenschutzinitiative und damit die Verlagerung des alpenquerenden Güterverkehrs auf die Bahn. Die Reduktion der Lastwagenfahrten brächte eine grosse Reduktion des CO2-Ausstosses im Inland. Nächstes Jahr wird die Neat am Gotthard eröffnet, die notwendige Infrastruktur steht also bereit. Und bei der Diskussion über den allfälligen Bau der 2. Röhre am Gotthard sollte man nicht nur an die Milliarden denken, welche diese kosten wird, sondern an den enormen CO2-Ausstoss beim Bau - mit dem Betrieb der Baumaschinen und mit der Herstellung des notwendigen Betons.

    1. Wolfgang Schatz, 1.12.2015, 23:25

      Als Deutscher steht es mir eigentlich nicht zu, über die Schweiz im Klimaschutz zu kommentieren.
      Aber zumindest was die Eisenbahn und deren Stellenwert betrifft ist Deutschland von der Schweiz um Lichtjahre entfernt.
      Ganz im Gegenteil: Die Schweiz bewundere ich für ihr vergleichsweise vorbildliches Bahnsystem.

    2. Heinz Forter, Basel, 2.12.2015, 08:53

      An Wolfgang Schatz:
      Falls das missverständlich war: Mit der 2. Röhre ist nicht etwa der neue Eisenbahntunnel durch den Gotthard gemeint, sondern der geplante 2. Autobahntunnel. Im übrigen vielen Dank für das Kompliment.